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26. August 2020

Selbstständige im Resilienz-Gespräch 3: Digitalisierung zur Krisenbewältigung

Lokale Netzwerke als Unterstützung und Chance in Krisen: Digitalisierungsexperte Emanuel Jochum erzählt im Interview mit imGrätzl.at von seinen Erfahrungen bei der Aktion „Selbständige für Selbständige & Macher*innen“.

Emanuel Jochum arbeitet als selbstständiger Designer und im Bereich Content-Strategie. Gemeinsam mit kleinen Unternehmen, Start-Ups, Social Businesses und Designagenturen konzipiert und gestaltet Emanuel digitale Anwendungen wie Websites, Plattformen und Apps und erschafft ganzheitliche Erscheinungsbilder. Im Gespräch, dass wir mit ihm geführt haben, erzählt er von seinen Erfahrungen bei der Aktion und erklärt, wie lokale Gemeinschaften und Netzwerke dabei helfen können Transformationen auszulösen.

Emanuel, du arbeitest als Experience Designer und Content-Stratege – und bist auch Grafiker. Da sind jetzt viele Anglizismen und noch nicht so bekannte Wörter dabei. Was macht ein Experience Designer und wie erklärst du das jemandem, der*die sich nicht so häufig im Web bewegt?

Es gibt nur wenige deutsche Entsprechungen für den Begriff Experience Design. Wenn ich „Erlebnisgestaltung“ sage, dann kann man sich alles Mögliche darunter vorstellen. Im Prinzip geht es darum, Erlebnisse zu planen, die Menschen zum Beispiel mit einer Website oder einer digitalen Anwendung am Smartphone, wie einer App, haben. Es können aber auch Veranstaltungen mit vielen Leuten sein, oder auch solche Sessions und 1:1-Coachings wie jene, die durch die imGrätzl-Aktion zustande gekommen sind.

Damit gehe ich gleich weiter zu der Aktion Selbständige für Selbständige & Macher*innen selbst. Dort hast du anderen lokalen Akteur*innen kostenfrei bei ihren Websites geholfen und sie beraten, welche einfachen Verbesserungsmöglichkeiten es gibt. Warum hast du mitgemacht und deine Beratung kostenfrei angeboten?

Ab März war plötzlich für alle eine sehr spezielle Situation da. Ich fand es sehr cool, dass man dann so spontan eine Aktion aufgesetzt hat, um das entstandene Loch zu füllen. Gerade bei Menschen, die als Einzelunternehmer*innen oder Selbständige unterwegs sind, gibt eine extreme Bandbreite an Tätigkeiten. Ich zum Beispiel bin in einer sehr privilegierten Situation: Ich kann arbeiten, egal wo ich gerade sitze und brauche quasi nur einen Laptop. Da geht’s anderen nicht so, zum Beispiel Selbstständigen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, Massagen anbieten oder überall dort, wo es um den persönlichen Austausch geht. In den letzten Monaten war es so gut wie unmöglich, solche Termine abzuhalten und da habe ich mir gedacht, dass es jetzt Zeit und den Bedarf gibt, um sich mit dem Thema Websites zu beschäftigen. Ich habe sehr gerne mein Wissen und meine Erfahrungen geteilt.

Was war deine Erfahrung bei den Beratungsgesprächen und wie hat der wechselseitige Austausch funktioniert?

Es war in allen Punkten positiv. Zum einen konnte ich Wissen teilen, das anderen in ihrer beruflichen Tätigkeit geholfen hat. Auf der anderen Seite habe ich sehr viele Einblicke in die Situationen der anderen bekommen und auch Branchen kennengelernt, bei denen ich davor nicht genau wusste, worum es da eigentlich geht. Da dachte ich mir, ah cool, das gibt’s – und das war dann vielleicht auch nur eine Straße weiter von mir. Es ist schön zu sehen, dass nicht nur die Beratung gut war, sondern, dass der Kontakt auch außerhalb der Aktion bestehen bleibt und der Austausch weiterhin da ist. Wenn es wieder geht, auch persönlich.

Würdest du sagen, dass es auf einer übergeordneten Ebene Themen oder Probleme gibt, die mehrere Selbständige und KMUs aktuell beschäftigen? Also ein Kernthema, das unabhängig von der Branche immer wieder gekommen ist?  

Ich hatte sehr viele Gespräche schon im April und es sind relativ viele Leute aus dem Bereich Gesundheit, Wohlbefinden und Coaching zu mir gekommen. Sie haben die Situation einfach als sehr schwierig beschrieben, es sind keine Termine möglich, keine Sessions, nichts, was vor Ort in einer Praxis funktionieren kann oder darf. Wie gesagt, ich bin in einer sehr privilegierten Situation. Es war gut zu sehen, dass ich zumindest etwas beitragen kann für deren Business, für deren Zukunft. Das war so die Message.

Gerade wenn es so um den Diskurs der erfolgreichen Krisenbewältigung und Resilienz von Unternehmen geht, sagt man oft, dass man nicht nur auf Defizite schauen soll, sondern auch die Potentiale erkennen sollte, die durch solche Krisen entstehen können. Wir haben auch bei der Aktion gesehen, dass es gerade in deinem Bereich, im Bereich der Digitalisierung, einen großen Schub gegeben hat.

Früher war es in meinem Bereich immer wichtig, wenn es um Austausch, um Termine, um Abstimmung gegangen ist, dass man das persönlich vor Ort, in einem Raum macht. Man hat gesagt, das klappe nur so – und Skype funktioniere eh in der Hälfte der Zeit nicht, nur so als Beispiel (lacht). Dieses Bewusstsein hat sich geändert, ich muss nicht immer eine halbe Stunde zu einem Termin fahren, eine Stunde dort sein, eine halbe Stunde wieder zurückfahren. Da „verliere“ ich ja eine Stunde „nur durch Wegzeit“. Aus unternehmerischer Sicht ist das tatsächlich verlorene Zeit. Das klingt vielleicht schwierig, aber man kann in diesem Zeitraum nichts viel anderes machen. Man überlegt sich verstärkt, wie man mit Zeit umgeht, das hat sich geändert. Das heißt aber nicht, dass man ausschließlich alles online machen muss oder ausschließlich alles physisch.

Genau, alles online zu machen funktioniert eben auch nicht in allen Branchen. Was gibt es sonst noch für konkrete andere digitale Strategien außerhalb von Online-Meetings, wie eine verbesserte Webseite oder ein funktionierender Onlineshop? Denkst du reicht das, um bei einem weiteren corona-bedingten Lockdown oder einer anderen Art von Krise die Kund*innen nicht zu verlieren und so sicher zu sein, dass man keine Existenzängste haben muss?

Ich glaube schon, dass die Kreativität gestiegen ist, es muss einfach alles anders passieren. Bei einer meiner Beratungssessions ging es zum Beispiel um Yogaübungen, die bis dahin natürlich physisch durchgeführt wurden. Während des Gesprächs ist die Idee entstanden, Videos mit dem Smartphone von den einzelnen Übungen zu machen und die über den schon bestehenden Newsletter zu vertreiben, um auch die Leute, die man schon im Netzwerk hat und die interessiert sind, über die schwierige Zeit betreuen kann. Da geht es darum, die Welten zu verbinden: Was mache ich eigentlich als Unternehmer*in und was kann ich, trotz aller Einschränkungen und Hürden, weiterführen, vielleicht in anderer Form? Das war ein gutes Beispiel dazu, die Videos kann man als Teaser verwenden, dann werden die Leute aufmerksam und wenn es dann wieder geht, heißt es: Cool, ich will wieder zu einer persönlichen Session gehen. So kann man diesen Kreislauf am Leben erhalten.

Dieses Beispiel zeigt, wie positiv diese wechselseitige Unterstützung sein kann. Mit Gruppenkraft und Netzwerken geht es besser durch Krisen – Sollten wir darauf setzen?

Definitiv. Also es geht eigentlich darum, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was andere Leute eigentlich machen. Dann hat man eine persönliche Verbindung, weil wir ähnliche Probleme haben. Zum Beispiel kann genau über diese Sessions (wie bei der Aktion Selbständige für Selbständige, Anm.) eine Vernetzung stattfinden. Dann kann man herausfinden, wie man in Kontakt bleiben und sich über die Situation austauschen kann. Wenn ich von mir selbst spreche, dann kann ich auch sagen, ja war eh alles halb so wild, klingt jetzt vielleicht blöd, aber anderen geht es jetzt eben nicht so. Und diese Erkenntnis war sehr wichtig und wertvoll, weil man dann auch anders an seine eigene Arbeit herangeht. Dann überlegt man schon: Was kann ich beitragen mit dem, was ich mache, mit meiner beruflichen Tätigkeit? Wie hilft das anderen?

Da komm ich gleich zu meiner nächsten Frage: Wie gehst du selbst als Selbständiger mit wirtschaftlicher Unsicherheit in Krisen um bzw. was gibt dir (Planungs-)Sicherheit oder Widerstandsfähigkeit? Ich meine, du sagst, es hat dich nicht so stark betroffen, aber hast du dir trotzdem Maßnahmen oder Strategien überlegt?

Also im März und April haben sich auch von Auftraggeber*innenseite einige Dinge verschoben. Es wurde gesagt, dass das jeweilige Projekt nicht in dieser Form oder jetzt, aber anders oder später durchgeführt wird. Bei zwei größeren Projekten habe ich nicht damit gerechnet, aber eigentlich müsste man als Unternehmer*in mit so etwas immer rechnen, egal ob jetzt eine Pandemie stattfindet oder nicht – und immer dieses Risiko im Hinterkopf behalten. Aber das Ausmaß konnte niemand voraussehen.

Allgemein steckt ja auch das Wirtschaftssystem in einer Transformation – und dann die Klimakrise, das sind alles aktuelle Themen.

Genau, es geht mir und wahrscheinlich vielen anderen auch so, dass einige Dinge im Laufe der Zeit liegenbleiben. Egal, ob das jetzt Themen wie Buchhaltung oder die eigene Website sind. Man denkt sich, es läuft eh, also muss man da gar nicht weiter schauen. Wenn man gerade aber mehr Zeit hat, kann man diese Punkte wieder mehr in den Fokus rücken. Es ist gut, sich immer wieder auch die Zeit zu nehmen, sofern möglich natürlich, die eigene Tätigkeit zu reflektieren. Ist das, was ich gerade mache, das, was ich in dieser Form auch machen möchte? Oder gibt es etwas, was mir aktuell fehlt oder nicht so super funktioniert? Gibt es Verbesserungspotential? Es ist wichtig, immer wieder zu reflektieren und da hat mir imGrätzl und die Aktion geholfen, weil mir die Erfahrungen der anderen sehr viel Inspiration gegeben haben. Als Einzelperson kann man zwar etwas im Kleinen bewirken, aber es funktioniert natürlich viel besser, wenn man – ach, wie kann ich das formulieren, ohne dass es ultra cheesy klingt-

Kann gerne cheesy klingen (lacht).

Dieser Spruch “think globally, act locally”, also dass man einen Weitblick behält, über den Tellerrand schaut, wie funktioniert es anderswo, sich inspirieren lässt – und dann das versucht in kleinen Schritten umzusetzen, zum Beispiel im eigenen Grätzl. Jede*r von uns hat Wissen, das einzigartig ist, das von Gesprächen und von der beruflichen Tätigkeit kommt. Es geht darum, Veränderung in kleinen Schritten anzugehen, um das große Ganze zumindest mitzuverändern.

Schön, das sehe ich auch so. Mir brennt jetzt noch eine Frage unter der Zunge: Denkst du, dass es für alle Branchen oder in allen Bereichen auch hinsichtlich Krisen usw. nötig ist, dass man auf Digitales setzt – oder ist es überhaupt noch eine Option, dass man sagt, ok, ich habe eine Tischlerei, bin zufrieden und ich brauche das nicht. Oder denkst du, dass man heute auf jeden Fall Digitalisierung mitdenken muss? 

Wer online nicht präsent ist, der existiert nicht – das stimmt zum Teil. Es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn man zum Beispiel in Suchmaschinen gefunden wird. Da kann es auch reichen, dass einfach dein Kontakt gefunden wird.

Man sollte also auf jeden Fall im Web gefunden werden.

Ja, es geht um diese digitale Visitenkarte. Da reicht es aber auch oft schon, wenn man die Telefonnummer und E-Mail-Adresse findet. Wenn man sagt, das brauche ich gar nicht, dann schließt man von vornherein viele Möglichkeiten aus, ohne, dass es notwendig ist oder viel Aufwand erfordern würde. Das heißt aber nicht, dass jede*r unbedingt einen Onlineshop braucht.

Und dann geht es wieder um dieses Erlebnis: Wenn ich bei einem regionalen Tischler bestelle, dann habe ich ein gewisses Erlebnis dabei. Das heißt nicht, dass man das konzipieren muss, da kann es auch schon reichen, dass man die Telefonnummer online findet und dann merkt, wie die Person am anderen Ende der Leitung mit mir spricht. Habe ich da ein gutes Gefühl? Fühle ich mich wohl? Bekomme ich die Information, die ich brauche? Es ist wichtig, diese Aspekte im Hinterkopf zu behalten, vieles funktioniert über dieses Erlebnis. Wir sind Menschen, die mit Menschen für andere Menschen etwas machen. Egal in welchem Bereich wir unterwegs sind, die persönliche Ebene ist immer wichtig. Unternehmen sind keine Maschinen oder unnahbare Klötze, es stehen immer Menschen dahinter. Auch wenn alles digital wird und beispielsweise über Chatbots läuft, darf man das nie aus den Augen verlieren. Es braucht immer Leute, die so etwas in einer Form entwickeln, dass es für möglichst viele Menschen Sinn stiftet.