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29. November 2021

Ein nachhaltiges städtisches Ernährungssystem für Innsbruck – Einblicke aus dem Projekt Feed‘INN

Autorin: Dr. Ute Ammering, Österreichisches Institut für nachhaltige Entwicklung

Das Projekt „Feed‘INN – Möglichkeitsräume für ein nachhaltiges urbanes Ernährungssystem schaffen“, hat sich zum Ziel gesetzt sowohl strukturelle als auch praktisch-konkrete Möglichkeiten für eine städtische Ernährungsplanung in und um Innsbruck zu erweitern. Die Konkretisierung auf städtische Ernährungsplanung soll den Fokus auf die Rolle der öffentlichen Hand und im Besonderen auf die Gemeinde in Multi-Akteurs-Kooperationen lenken. Die Teilaspekte nachhaltiger urbaner Ernährungssysteme liegen entlang von und rund um die Wertschöpfungskette von Lebensmitteln. Sie betreffen viele Kernaufgaben und zentrale neue Themen von Stadtpolitik und Verwaltung.

Abbildung: Ernährungssystemperspektive (Abbildung: Ute Ammering 2021)

Um strukturelle Möglichkeitsräume zu identifizieren und in Folge zu erweitern, wurde ein empirischer Zugang gewählt. In leitfadengestützten Interviews mit engagierten Akteur*innen eines urbanen Ernährungssystems wurden zentrale Herausforderungen und mögliche Ansatzpunkte gesucht. Der nächste Schritt war, die Interviewpartner*innen und weitere potentielle Beteiligte für ein nachhaltiges kommunales Ernährungssystem einzuladen und gemeinsam die Ergebnisse zu reflektieren.

Bei der Veranstaltung „Ernährung als Handlungsfeld nachhaltiger und klimaneutraler Stadtentwicklung in Innsbruck – Dialog, Vernetzung, Stärkung“ ging es darum das Bewusstsein für die Relevanz des Themas breiter – vor allem bei Vertreter*innen der städtischen Strukturen – zu verankern und Kontakte und neue Netzwerke dafür zu initiieren. An drei Thementischen wurde während des Stakeholderworkshops intensiv diskutiert, wohin die Reise für eine nachhaltige Ernährungsplanung jeweils gehen kann und wo nächste Schritte möglich sind. Bei den Themen „städtische Gemeinschaftsverpflegung“ und „Stadtgarteln“ konnte auf vergangene Gespräche und Projekte aufgebaut werden und die Teilnehmer*innen sind direkt in die vertiefte Diskussion eingestiegen. Am Thementisch „Stadt-Umland-Beziehungen für nachhaltige Ernährungssysteme“ war das Ziel sehr viel explorativer, da in diesem Bereich noch kaum Erfahrungen in Innsbruck bestehen. Die Teilnehmer*innen aus den Bereichen Klimawandelanpassung, Regionalentwicklung und Direktvermarktung haben das Thema und die konkreten Ansatzmöglichkeiten aus unterschiedlichen Perspektiven umrissen.

Ein Zwischenergebnis des Projekt Feed‘INN ist eine besseres Verständnis der zentralen Themen, Herausforderungen und Chancen nachhaltiger städtischer Ernährungsplanung im spezifischen Kontext von Innsbruck. In der nachstehenden Tabelle werden den zentralen allgemeinen Ansatzpunkten nachhaltiger städtischer Ernährungsplanung, die konkreten dazu für Innsbruck genannten Themen zugeordnet. In der rechten Spalte werden die jeweilige Rolle der städtischen Strukturen eingeschätzt und konkrete bereits bestehende Aktivitäten genannt.

 

Tabelle: Themen nachhaltiger städtischer Ernährungsplanung (nsE) in Innsbruck

Themen nachhaltiger städtischer Ernährungsplanung

In Stakeholderinterviews zentral genannte Themen von nsE

Bestehende Aktivitäten und Rolle kommunaler Partner für nsE

(Lebensmittel)
Abfallvermeidung

Durch Lokalisierung, Verkürzung und Optimierung in den Wertschöpfungsketten

Teil der Ressourcenschonung

Abfallberatung der Kommunalbetriebe in verschiedenen. Kontexten

Bewusstseinsbildung für nachhaltige Ernährung

Auf unterschiedlichen Ebenen – unterschiedliche Zielgruppen;

Für alle anderen Themen zentral;

Parteipolitische Aufladung des Themas als Hemmnis

Punktuell über städtische Medien

Beratung im Rahmen von Neueinzug in Stadtwohnungen

Flächenpartner für Weltacker*

Direktvermarktung – Stärkung kurzer Versorgungswege

Braucht auch Qualitätskriterien (ökologisch, sozial)

Neue Zielgruppen ansprechen;

Einfache Strukturen schaffen;

Kooperationen und Netzwerke ausbauen;

Solidarische Finanzierungsformen fördern

Standorte für Bauernmärkte zur Verfügung stellen;

z.T. regionale Bezugsnetzwerke städtischer Großküchen

 

Landwirtschaftspraxis (bodenschonende, tierwohlorientierte, regenerative LW)

Vision/Leitlinie wäre dafür wichtig; Kriterien in der Flächenvergabe berücksichtigen; Anreize schaffen.

Keine Zuständigkeit und thematische Nähe

Stadt-Umland-Beziehungen für nachhaltige Ernährungssysteme

Überörtlicher Fokus in der Flächenplanung mit Bewusstsein für nachhaltige Lebensmittel-Produktion;

Kooperationen und Netzwerke zwischen Produktion – Verarbeitung/Veredelung – Konsum

 Ernährung für nachhaltige Entwicklung ist kaum ein Thema in  diversen regionalen Stadt-Umland-Netzwerken

Städtische Gemeinschaftsverpflegung und öffentliche Beschaffung

Mehrfachnutzen kann hier erzeugt werden: Stadt ist großer Abnehmer für lokale Produktion, gesunde Ernährung lernen und leben – direkt und durch Multiplikatoreffekte in Familien.

Bisher fragmentierter Verantwortungsbereich – es braucht Kooperation, Partizipation und klare Leitlinien

Geteilte Zuständigkeit im Magistrat und in den kommunalen Betrieben;

Öffentliche Beschaffung ohne transparente  und verbindliche ökosoziale Leitlinien;

Kommunale Arbeitsgruppe zum Thema nachhaltiger, vegetarischer Mittagstisch;

z.T. regionale Bezugsnetzwerke städtischer Großküchen;

Teilnahme an landesweiter Initiative „Gemeinsam essen in Tiroler Bildungseinrichtungen“;

Städtische Schulen im Netzwerk Gesunde Schule

Tourismus

Transparenz fehlt (Begriffe wie „bio“ können unzertifiziert verwendet werden)

Nachhaltige Ernährung kann „selling point“ sein

Essen wird durch Stadtmarketing als Genuss- nicht als Nachhaltigkeitsthema benutzt.

Urbane Landwirtschaft

Versorgungsmöglichkeiten in der Stadt ausschöpfen – Selbstversorgung steigern;

Neue Technologien und Methoden nutzen und Anreize schaffen;

von kurzwegigen und kleinsträumigen Lösungen ausgehen;

Geringes Verständnis für Notwendigkeiten der Lebensmittelproduktion in der Stadt

Urbane Landwirtschaft hat keine explizite Zuständigkeit in der städtischen Verwaltung – im Bereich der Themen Wald und Natur wird sie mit berücksichtigt, ansonsten liegt die Zuständigkeit bei den einschlägigen Interessensverbänden;

Was Fragen landwirtschaftlicher Flächen angeht, ist die Stadtplanung am Thema beteiligt. Größerer Gestaltungsspielraum besteht dort nur auf eigenen Grünflächen.

Urbanes Garteln/ Gemeinschaftsgärten/ essbare Stadt

Verantwortung für Lebensmittel übernehmen lernen;

Soziale und therapeutische Funktion von Gartenarbeit;

Urbanes Garteln größer – als Möglichkeit zur Steigerung der Eigenversorgung – denken.

 

Stadt als Flächengeber für Gemeinschaftsgärten;

Naschelemente auf Spielplätzen und Insektenwiesen;

Aktivierung zum Garteln auf Baumscheiben, Integration von sozialen und ökologischen Zielen;

Kooperationspartner für essbare öffentliche Beete;

Beratung durch Informationsmaterial zum Stadtgarteln

Klimawandel und Smart City

Synergien zwischen Zielen und Wegen mit dem Thema nachhaltiger Ernährungssysteme verstärkt nutzen

Geschäftsstelle für Smart City sowie Zuständigkeit für Klimawandel im Amt für Verkehr und Umwelt als Vernetzungsstellen etabliert – Bewusstsein für Thema Ernährung besteht, aber keine konkreten Berührungspunkte;

Im Bereich der BürgerInnenbeteiligung ist Thema nachhaltige Ernährung im Kontext Klimawandelanpassung verankert.

Öffentlicher Wohnbau

Grüne Gebäude vs. „Wartungsarme Gebäude“; „grüne“ Infrastruktur und Prozessbegleitung nötig

.T. Dachgarten-Infrastruktur im städtischen Wohnungsneubau – fehlende Prozessbegleitung;

punktuelle Beratung zum Thema nachhaltig leben bei Neueinzug

Versorgungssicherheit – Ernährungsgerechtigkeit

Lösungen und Ansätze, die unabhängig von Bildungsstand und Einkommenssituation umsetzbar sind

Kooperationspartner für Tiroler Sozialmarkt;

Kooperationspartner für „Breakfast Club“ in VHS/NMS

Verkehr

Logistik zentrales Element für auf Nachhaltigkeit optimierte Versorgungswege;

Auch für „food hubs“ wichtig

Verantwortlichkeit für Verkehrsfragen schließt nachhaltige Ernährung nicht ein;

Last-mile-Lastenradtransporte vorgedacht – bisher nicht umgesetzt

 

Zu den in der Tabelle zusammengefassten Themen wurden in den Interviews und während des Stakeholderworkshops verschiedene konkrete Notwendigkeiten identifiziert. Häufig auftauchende Forderungen, die jeweils auf mehrere Themenfelder anzuwenden wären, sind:

  • Mehr Ressourcen für soziale „Infrastruktur“ statt – bzw. ergänzend zu – technischer Ausstattung. Kommunikation und Begleitung durch „Kümmer*innen“, Prozessbegleitung, soziale Räume für Austausch und „ins Tun kommen“. Betrifft alle Bereiche von urban gardening (im geschützten Raum Wohnbau, aber auch im öffentlichen), Bewusstseinsbildung und Gemeinschaftsverpflegung.
  • Widerspruch zwischen grüner und wartungsfreier (Wohn-/Bau-)Infrastruktur muss konstruktiv vermittelt werden – beides möglich bei entsprechender Begleitung
  • Upscaling: viele gute Ansätze gibt es bereits, aber auf sehr kleinem Maßstab – es braucht Vergrößerung/Ausbau und dafür entsprechende Begleitung.
  • Upscaling heißt auch nachhaltige Versorgungswege für alle Bildungs- und Einkommensschichten zu öffnen – einfach und günstig.
  • Politik „in die Pflicht nehmen“ oder Pflicht erzeugen für nachhaltige städtische Ernährung
  • Verständnis und Respekt gegenüber Landwirtschaft

Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich die Interviewpartner*innen und Workshopteilnehmer*innen in unterschiedlichen Bereichen deutlichere Leitlinien und Regeln sowie ein verstärktes Engagement der öffentlichen Hand für ein nachhaltiges Ernährungssystem in Innsbruck wünschen. Aktuell vorherrschend – nicht nur auf kommunaler Ebene – ist jedoch die Ansicht, dass Ernährung ein Thema der Marktakteur*innen ist und vor allem von diesen ausgehandelt werden soll. Dass auch der Staat und seine Organisationen eng mit Marktaktivitäten verknüpft sind und somit sehr wohl in der Verantwortung stehen Lebensqualität für alle und das Grundrecht auf gesunde Nahrung zu erhalten und zu verbessern, wird hier häufig übersehen. Die immer wieder anklingende Einengung des Themas nachhaltige Ernährung als bloßes „Lebensqualitätsthema“ ist insofern nicht angemessen. Es stellt sich vielmehr die gesellschaftliche Frage, inwiefern Ernährung als zentrales menschliches Bedürfnis und Faktor für globalen Wandel und Lebensqualität in Kooperation zwischen privatwirtschaftlichen zivilgesellschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Kräften verhandelt werden kann.